Sag mir, was du liest, und ich sag dir, wer du bist

Meine Kolumne in der Thüringer Allgemeine


Vor kurzem hat die Bibliothek zur letzten Veranstaltung im alten Gebäude eingeladen: Prominente Gothaer haben ihre Lieblingsbücher vorgestellt. Den ganzen Tag war ich nervös, schließlich sollte ich neben großen Entertainern der Stadt lesen wie dem Oberbürgermeister und Herrn Hey! Außerdem sind alle Karten schon im Vorfeld verteilt worden. Die Idee des Abends zog viele Menschen an, schließlich würde man fünf verschiedene Lieblingsbücher kennenlernen, also Bücher, die aus allen anderen Büchern als die besten herausgefiltert worden sind. Schon deswegen müssen sie einfach lesenswert sein. Und nicht nur das: Ein Lieblingsbuch sagt schließlich auch viel über seinen Leser aus. Es ist wie mit den Freundschaftsbüchern in der Schule. Um seinen Freunden den eigenen Charakter zu offenbaren, trägt man Lieblingsfarbe, Lieblingslied und Lieblingsessen ein. Als Kind ist mir das leicht gefallen. Natürlich gelb! Natürlich „Saturday Night“! Und natürlich Spinatlasagne. Heute finde ich das gar nicht mehr so leicht. Ich nenne immer noch Gelb meine Lieblingsfarbe und vertreibe den Gedanken daran, dass Rot doch auch schön ist. Ich liebe weiterhin Spinatlasagne – aber schmecken überbackene Canneloni von meiner Schwester nicht genauso gut? Ganz zu schweigen von meinem Lieblingslied: Ich habe keins mehr. (Jedenfalls wäre es nicht mehr „Saturday Night“.) Und leider habe ich auch kein Lieblingsbuch. Was ist nur mit meinem Charakter los?

Zum Glück ging es den anderen Lesenden ähnlich. Ina Benad, die Vorsitzende der Arbeitsagentur, hat einen Lieblingsautor. Das grenzt die Sache schon ein, macht es aber auch nicht unbedingt leichter. Matthias Hey hat sich unter mehreren Lieblingsautoren für einen und dann für eine Kurzgeschichte entschieden. Knut Kreuch wählte ein Buch, das ihm aus persönlicher Verbundenheit wichtig war, und Pfarrer Martin Hundertmark entschied sich für Hermann Hesse – zuerst für den Autor, dann für eines seiner Bücher.

Auch ich hatte mir viele Gedanken gemacht. Es wäre doch schön, sich auf ein Lieblingsbuch festlegen zu können, vielleicht bräuchte ich mir dann keine Sorgen mehr um meinen Charakter zu machen.
Ich fing bei den Klassikern an und kam auf Hofmannsthal mit seinen wunderschönen Erzählbänden. Aber was ist mit den Büchern, von denen ich wirklich nicht ablassen konnte: „Die dunkle Seite des Mondes“ von Martin Suter, „Nullzeit“ von Juli Zeh oder „Der Märchenerzähler“ von Antonia Michaelis? Ich erinnerte mich an die vielen Nachtstunden mit Walter Moers und Elfriede Jelinek. Wie soll man sich zwischen so unterschiedlicher Literatur entscheiden?
Ich konnte es nicht. Wie alle anderen brachte ich aber ein Buch mit, das mir am Herzen liegt: „Heile, heile“, ein Roman meiner Schreibwerkstatt-Teamerin Kirsten Fuchs. Schließlich hat sie eine tolle Sprache und die Geschichte ist nachdenklich und witzig zugleich.

Zum Glück müssen wir uns nicht auf ein Lieblingsbuch festlegen, wir können tausend Bücher auf unterschiedliche Weise lieben. Und das sagt doch auch etwas über unseren Charakter aus.

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