Schönheit des Verfalls


Meine Kolumne in der Thüringer Allgemeine


Es gibt sogar noch Straßenschilder, obwohl auf diese Pfade kein Auto mehr passt. Nur abenteuerlustige Fußgänger bahnen sich ihren Weg durch die vergessene Welt Gothas und wundern sich, wenn sie plötzlich vor einem „Vorfahrt achten“-Schild stehen. Natürlich hat der andere Teil der Stadt Vorfahrt: Die befahrenen Straßen, die bewohnten Häuser. Es ist der belebte, der unvergessene Teil.
Der Teil, durch den wir vergangene Woche liefen, achtet diese Vorfahrt seit vielen Jahren – wenn auch unfreiwillig. Denn in dieser Parallelwelt gibt es außer uns keine Menschen, keine Autos, kein Leben. Die Natur holt ihn sich langsam zurück.

Die verfallenden Gebäude scheinen viele Geschichten zu erzählen. 1930 erbaut erinnert die ehemalige russische Kaserne nicht nur an die bewegte Vergangenheit Gothas, sondern auch an die des ganzen Landes.
Die Gebäude sind einst für die Wehrmacht erbaut worden, nach 1945 zogen die amerikanischen Truppen und später die Sowjets ein.
Seit Jahren stehen sie nun leer und erzeugen eine traurige und zugleich faszinierende Stimmung. Wir bahnten uns einen Weg durch die wuchernden Pflanzen und plötzlich standen wir vor einem alten Badeteich. Sogar die Treppe, das Geländer sind noch erhalten. Wenn es nicht schon zu kalt gewesen wäre, wäre ich hineingestiegen. Dabei hat hier wohl schon seit Jahrzehnten niemand mehr gebadet.

Nur wenige Meter entfernt werden neue Häuser gebaut. Der Plan von Investoren, die Gebäude über Arbeitsamt und Hotel hinaus zu nutzen, ist längst gescheitert. Statt das Alte wiederaufzubauen, verfällt es und wird zu einem spannenden und leider auch gefährlichen Spielplatz für die Kinder der neu erbauten Nachbarschaft.

In Gothas Innenstadt gibt es einen Uhrenladen, der im Schaufenster verspricht: „Wir bringen auch Ihr bestes Stück wieder in Schwung.“ Immer wieder muss ich schmunzeln, wenn ich vorbei laufe, ein wunderschönes Versprechen. Schade, dass es niemand für die vergessene Welt Gothas geben kann.
So oft wünsche ich mir, es würde nicht immer alles neu gebaut, statt restauriert oder aktualisiert. Das Gothaer Kino zum Beispiel – ein Kinoriese, wie er in allen Städten steht und bald auch in Gotha gebaut werden soll, wird bestimmt nicht mit dem Charme von Capitol und Kik mithalten können.
Oder, ganz anders, die Beelitzer Heilstätten bei Berlin. Der ehemaligen Tuberkuloseklinik geht es ähnlich wie der russischen Kaserne in Gotha: Nur wenige Häuser haben Investoren gefunden. Der Rest verfällt, wird von Randalierern weiter zerstört, fasziniert und gruselt seine Besucher. Verfall kann schön sein, doch diese Schönheit hält nicht lange an. Schon als ich da war, waren die alten Operationslampen, die Besucher noch vor wenigen Jahren bewundern konnten, geklaut worden oder verschwunden.

Natürlich kann man nicht alles anhalten. Manchmal ist gerade schön, was nicht andauert. Ein Theaterstück zum Beispiel. Live-Musik. Oder der Herbst. Eigentlich hält ja nichts an. Doch ist es nicht immer leicht, das zu akzeptieren.

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