Reisevorbereitungen

Meine Kolumne in der Thüringer Allgemeine


„Frau Knoll, bitte!“
Sofort stehe ich auf und gehe vor zur Rezeption.
„Ach, Sie sind das“, sagt die Arzthelferin und sieht mich skeptisch an. „Wie kommt es denn, dass Sie mit so etwas zu uns kommen?“
Verlegen streiche ich mir die Haare aus dem Gesicht und sehe auf meine Hände.
„Es ist schon die dritte Dosis“, sage ich und denke kurz nach, „sie muss jetzt erfolgen, mein Arzt ist im Urlaub und Sie sind die Vertretung.“
Sie zieht die Augenbrauen hoch.
„Ja aber das?“, genervt zeigt sie auf die kleine weiße Packung, die ich mitgebracht habe. „Warum bitte brauchen Sie in Gotha eine Tollwutimpfung?“
Ich bin zu überrascht, um gleich zu antworten. Manchmal wird in dieser Stadt ein relativ strenger Ton angeschlagen, daran muss ich mich noch gewöhnen. Und zugegeben – die Praxis ist unglaublich voll, ich hab keine Ahnung, wie die Ärztin alle Wartenden an einem Tag untersuchen möchte. Klar, dass die Arzthelferin meine Tollwutimpfung da nicht freudestrahlend weiterreicht. Ich versuche ruhig zu bleiben, während ich es ihr erkläre. „Nächste Woche fliege ich nach Laos. Es wird dringend empfohlen, sich vorher gegen Tollwut impfen zu lassen.“
Trotzdem wird ihr Blick nicht verständnisvoller. Ich sollte ihr besser nicht erzählen, wie viel Geld ich für drei Dosen Tollwut ausgeben musste und dass das noch nicht einmal die einzige Impfung vor meiner Reise gewesen ist. Sie scheint sich sowieso schon zu fragen, warum um alles in der Welt ich Gotha für Laos verlasse.
„Dann nehmen Sie noch mal Platz“, sagt sie und bei der Art, wie sie diese Worte ausspricht, fühle ich mich kurz wie ein Hund.
Letztlich erbarmt sich die Ärztin tatsächlich. Zwar scheint auch sie eine Reise nach Laos nicht wirklich verstehen zu können, und doch freue ich mich noch mehr darauf, als ich die Praxis verlasse. Nach unzähligen Arztbesuchen bin ich jetzt völlig resistent gegen Tollwut, Cholera, Typhus und sogar Japanische Enzephalitis – ohne auch nur im Mindesten zu wissen, was das ist –, wir haben die Flüge gebucht, Antimückenspray gekauft, Versicherungen abgeschlossen und uns mit Reiselektüre eingedeckt. Es kann losgehen. Lächelnd fahre ich in die Stadtschreiberwohnung.
Doch jetzt muss ich daran denken, dass ich nur noch eine Woche in Gotha bin, bevor ich die Stadt vorübergehend verlasse, dabei bin ich so gern hier. Eine Reise ist immer auch traurig, sie besteht aus tausend kleinen Abschieden: Von zu Hause, von Freunden und Familie, von Gewohnheiten und bekannten Tagesabläufen. Und dann, während der Reise, auch von den Menschen, denen man dort begegnet. Ständig verabschiedet man sich und manchmal ohne zu wissen, für wie lang.
Bei Gotha weiß ich es: Es wird nur ein kleiner Abschied sein, denn meine Zeit in der Residenzstadt ist zum Glück noch nicht vorbei.

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