In den Augen meiner Hauptfigur


Meine Kolumne in der Thüringer Allgemeine


Das Schönste am Schreiben sind für mich die letzten 50 Seiten. Dann, wenn sich alles zuspitzt, wenn die Figuren immer näher aneinander rücken und ich endlich die Szenen beschreiben kann, auf die ich mich schon seit über 200 Seiten gefreut habe. Während der letzten Kapitel scheint meine Tastatur immer heißer zu werden, denn meine Fingerspitzen wirbeln wie von allein darüber hinweg.
Vor allem bei dem Roman, den ich gerade jetzt beendet habe, war es besonders schlimm: Sogar essen und trinken wurde da zum notwendigen Übel – dabei kenne ich nur wenige Menschen, die lieber essen und trinken als ich.

Doch die letzten 50 Seiten sind für mich nicht nur das Tollste, sondern auch das Beängstigendste am Schreiben, schließlich kann sich da kurz vorm Ziel noch ein unerwartetes Hindernis auftun: Eine Schreibblockade zum Beispiel, so groß und mächtig wie eine hohe Mauer. Es reichen auch schon ein paar kleine Zweifel an der Idee, am Konzept, an der Auflösung, um die gute Laune und den Schreibfluss sofort zu stoppen. In diesen Tagen müssen Freunde, Familie und meine Agentur einiges aushalten. Zum Glück habe ich währenddessen noch nie alles unwiederbringlich gelöscht. Irgendwann geht es immer weiter und meine Finger wirbeln wieder.

Allerdings gibt es noch einen Grund, warum die letzten 50 Seiten nicht nur das Tollste, sondern auch das Furchtbarste beim Schreiben sind: Nach diesen 50 Seiten ist alles vorbei. Klar, eine monatelange Arbeit ist endlich beendet, das ist natürlich befriedigend, doch dieses Glücksgefühl wird schnell überschattet von Traurigkeit, denn von einem auf den anderen Tag muss ich meine Figuren gehen lassen. Wochenlang bin ich mit ihnen gemeinsam durch Gotha gelaufen. Wir sind zusammen ins Kino gegangen, saßen vorm Rathaus auf einer Bank, wir sahen an der blauen Fassade meiner Hauptfigur hinauf und kletterten auf den Bürgerturm. Nebeneinander her fuhren wir auf dem Fahrrad durch holprige Straßen, gemeinsam haben wir uns von einer strengen Museumswärterin das Handy verbieten lassen und kurz danach schauten wir verträumt auf die leere Bühne des Ekhoftheaters. Zwar klingt das etwas schizophren, aber was soll ich machen – genauso war's!

Meine größte Aufgabe in Gotha ist es, ein Jugendbuch zu schreiben, das mit Gotha in Verbindung steht. Meines steht sehr eng mit der Stadt in Verbindung, schließlich spielt es in ihr. Ich habe Gotha Hand in Hand mit meiner Hauptperson Emilia kennengelernt. Jetzt, wo ihre Geschichte hier erzählt ist, müssen wir uns voneinander verabschieden. Von nun an gehen wir getrennte Wege. Doch bin ich mir sicher: Auch wenn mein Buch fertig geschrieben ist, wird Emilia mich auf irgendeine Art weiterhin durch Gotha begleiten. Ich kann die Stadt immer wieder auch durch ihre Augen sehen – eine schöne Erfahrung. Und ich bin sehr gespannt darauf, ob auch Sie diese Erfahrung bald machen können.

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