Wikinger-Schach auf der Hippiewiese

Meine Kolumne in der Thüringer Allgemeine 

Warum zieht es uns abends immer wieder in den Schlosspark? Wo er doch eigentlich das Zuhause der Mücken ist? Sobald es nur ein klein wenig dämmert, sind sie plötzlich überall. Sie summen laut am Ohr, setzen sich auf Schultern, auf Beine, in Gesichter. Ständig kribbelt es am ganzen Körper, wild fuchteln unsere Arme in der Luft herum, alle sind genervt. Und doch werden wir bei schönem Wetter wiederkommen – auch am Abend. Eigentlich ist das doch seltsam. Und auch wieder nicht, schließlich ist die Hippiewiese wunderschön, es ist toll, auf Decken zu sitzen, zu sehen, wie es langsam dunkel wird, Weißwein aus Plastikbechern zu trinken und dabei Wikinger-Schach zu spielen.

Dieses Spiel hat mir meine Berliner WG einmal zum Geburtstag geschenkt. Es hat kaum Regeln: Wie bei normalem Schach muss am Ende der König fallen. Doch dieser ist viel größer als gewohnt, er steht in der Mitte und er muss aus etwa drei Metern Entfernung abgeworfen werden. Das darf eine Mannschaften aber erst versuchen, sobald sie fünf Klötze der gegnerischen Mannschaft getroffen hat.
Und so stehen wir im Park und werfen mit schmalen Holzstäben auf dickere Klötze. Ich könnte das stundenlang machen. Wahrscheinlich auch deswegen, weil ich nicht besonders oft treffe. Da kann ein Spiel tatsächlich stundenlang dauern. Außer, die gegnerische Mannschaft ist viel besser als ich. Und das sind natürlich einige von uns. Sie lassen nicht wie ich beim Werfen viel zu früh los, sodass der Stab meterweit vorm Klötzchen landet. Oder zu spät, sodass er in hohem Bogen darüber hinweg fliegt.

Während ich es immer wieder probiere, muss ich darüber nachdenken, dass Loslassen im Allgemeinen nicht ganz leicht ist. Eltern lassen ihre Kinder nicht los, Exfreunde ihre Exfreundinnen, junge Leute ihre Handys. Wir klammern uns an Gewohnheiten, an Erinnerungen, an Hoffnungen. Und auf der anderen Seite entgleiten uns Situationen, Gesichtszüge und natürlich Gläser, Flaschen, Porzellanteller. Oft ist entscheidend, dass man nicht zu früh loslässt und nicht zu spät. So auch bei Projekten mit Jugendlichen. Lässt man zu früh los, könnte den Schülern die Orientierung fehlen. Lässt man zu spät los, hat niemand richtig Spaß und das Ergebnis ist dürftig. Genau am richtigen Punkt sollte man die Schüler eigenständig arbeiten lassen und nur noch zusehen, wie sich der Holzstab immer weiter dem Klötzchen nähert.

An diesem Punkt bemerke ich, dass meine Gedanken sogar beim Wikinger-Schach immer wieder zur Leseausstellung im alten Internat abgleiten. Schließlich eröffnet sie schon am Sonntag, wir arbeiten daran seit Wochen und noch immer ist einiges zu tun. Doch heute ist nicht Sonntag, zuerst ist dieses eine Klötzchen dran.

Am Ende des Abends habe ich es endlich getroffen. Und dann hat auch noch mein Team gewonnen! Ein gutes Gefühl – auch wenn die Mücken noch immer summen und ich am nächsten Tag, während ich an der Ausstellung arbeite, nicht wissen werde, wie ich an allen Mückenstichen gleichzeitig kratzen soll.


Keine Kommentare

Kommentar veröffentlichen

ImpressumKontakt • © 2013 by Rebekka Knoll • Design by Tanja Bertele