Meine Kolumne in der Thüringer Allgemeine

Gemeinsam schreiben



Was macht eigentlich eine Stadtschreiberin den ganzen Tag? Diese Frage höre ich immer wieder und wenn ich nicht selbst Stadtschreiberin wäre, würde ich sie wohl auch stellen. Manche denken, ich schreibe die Chroniken der Stadt auf. Andere haben gar keine Idee. Und der dritte Teil glaubt, ich sitze den ganzen Tag allein im Dachgeschoss des Maria-Magdalena-Krankenhauses und – bin dort allein. Schließlich ist genau das das Bild eines Autors: Zurückgezogen, etwas verschroben und höchstens mal in der Gesellschaft eines Glas Weins oder eines Whiskeys sitzt er in einer dunklen Kaschemme und ist gar nicht richtig auf dieser Welt. Seine besten Freunde sind seine eigenen Figuren, er lebt nur in seinem Gehirn. Abgesehen davon, dass er natürlich ein Mann ist. Was eine Autorin tut, ob sie auch Whiskey trinkt und sich zurückzieht, ist in der allgemeinen Vorstellung der Schriftstellerei nicht ganz klar.

Zwar muss ich zugeben, dass es diese einsamen Stunden, allein vorm Computer, allein in der eigenen Gedankenwelt, tatsächlich gibt, auch als Frau und auch Stadtschreiberin in Gotha, schließlich gehört es unter anderem zu meinen Aufgaben, einen Jugendroman zu schreiben, doch wehre ich mich trotzdem gegen das Vorurteil des einsamen Schreibens. Denn dies ist nur ein Teil des Stadtschreiberinnenalltags. Seitdem ich in Gotha wohne, gab es kaum einen Tag, an dem ich einzig allein in der Wohnung gearbeitet habe. Immer wieder habe ich Termine wegen des Projekts „Tapetenschreiber“, halte Lesungen, gebe ein Radiointerview an die Gotha Kids oder veranstalte Schreibwerkstätte. Und in denen wird mir immer wieder klar, wie schön es ist, gemeinsam zu schreiben.

Beispielsweise bin ich Anfang der Woche nach Friedrichroda gefahren. Schon die Fahrt dorthin, durch die vielen kleinen Dörfer, die so viele Geschichten erzählen könnten, war abenteuerlich. An einem verlassenen Bahnhof stieg ich um und ein ungewöhnlich netter Busfahrer brachte mich nach Friedrichroda. Die kleine Stadt wirkte auf mich so malerisch wie einsam, eigentlich der perfekte Ort für eine einsame Schriftstellerin, doch zwei Schülerinnen des Gymnasiums bewiesen mir das Gegenteil. Sie hatten mich zu einer Lesung in ihre Schule eingeladen, den Termin selbstständig organisiert und im Anschluss eine Gruppe zusammengetrommelt, die Lust hatte, mit mir gemeinsam zu schreiben.

Am Ende saß ich mit sieben SchülerInnen im gemütlichen Lesecafé, die Stifte wirbelten übers Papier, nur hin und wieder flüsterte jemand. Nach nur einer Stunde waren sieben wundervolle Geschichten entstanden, alle unterschiedlich und doch ausgehend von ein und demselben Anstoß. Sofort teilten die SchülerInnen Ihre ganz eigenen, einsamen Gedanken mit den anderen und so hatten sie nicht nur im gleichen Raum zum gemeinsamen Thema geschrieben, sie tauschten sich auch aus, sprachen sofort über ihre Schreib- und Leseeindrücke und zeigten, dass Schreiben absolut nicht einsam sein muss. Es kann die Schreiberlinge auch näher zusammenrücken, zu einer eigenen Form der Kommunikation werden und dann in einem ganz besonderen Gruppengefühl enden.

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