Die Jugend von heute

Meine Kolumne in der Thüringer Allgemeine

Selten habe ich in Gotha so viele junge Menschen gesehen wie während der Europeade. Dabei hatte ich mir dieses Folklore-Fest anfangs etwas lahm vorgestellt. Die vergangene Woche hat mich dann völlig überrascht. Plötzlich war die Stadt gefüllt mit unterschiedlichen Sprachen, strahlenden Gesichtern und tanzenden Hüften. Was da auf Gotha zurollte, waren nicht nur Busse voller traditionsbewusster Senioren, sondern auch eine Masse volkstanzbegeisterter junger Menschen. Innerhalb weniger Stunden tanzten die Straßen.

Zur Eröffnung brachte die Europeade auch ins Stadion unglaublich viel Fröhlichkeit und Abwechslung. Die Lust am Tanzen, an den unterschiedlichen Kulturen und Traditionen Europas ging schnell auch auf uns über. Wir wippten mit, wir strahlten über die Drehungen und verfolgten gebannt, aus welchen Ländern welche Darbietungen kamen. Nur der raue Umgangston um uns herum ernüchterte uns leicht: Immer wieder wurde da gebrüllt, die anderen sollten aus dem Sichtfeld treten, ein Herr zerrte einen jungen Mann sogar wütend am Rucksack zurück. Dabei sollte doch gerade dieses Fest uns zeigen, wie leicht und schön es sein kann, mit anderen zu kommunizieren und fremde Kulturen kennenzulernen. Gerade in diesen Tagen sollten wir doch unsere Alltagsstrenge und Gereiztheit einmal hinter uns lassen und gemeinsam feiern.

Das sieht in Gotha leider nicht jeder so. Darin, dass in der ganzen Stadt Musik war, dass alle tanzten und sich freuten, sah die ein oder andere Gothaerin sogar einen Grund, mit einer Anzeige zu drohen. Und warum? Wegen Lärmbelästigung. Anwohner hätten sich bereits beschwert. Natürlich nicht über die Hauptbühne oder die Neumarktbühne. Auch nicht über die Tanzböden am Schloss oder bei der Wasserkunst. Sondern über zwei junge DJs, die vor einem unglaublicher Weise mit Graffiti besprühten Haus auflegten. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen, nicht, wenn die Musik elektronisch ist und die Menschen teilweise noch jugendlich. So etwas in Gotha – wo kommt man denn da hin?

Ich denke, dann kommt man genau dahin, wohin Gotha kommen sollte: Während der Europeade haben wir gesehen, wie jung die Stadt sein kann. In der „Jugend von heute“ hat sich schon Aristoteles geirrt. Sie verachtet nicht die alten Traditionen, sie beschmiert nicht die Stadt und sie droht auch niemandem mit Anzeigen. Sie fügt der Gesellschaft wichtige Perspektiven, neue Ideen und Ansätze hinzu, teilweise tanzt sie trotzdem Folklore und feiert gemeinsam mit anderen Generationen bis tief in die Nacht. Sie deutet auf eine vielversprechende Zukunft hin.

Von großen Teilen der Stadt wird das auch unterstützt: Der Oberbürger- meister steht hinter unserem Graffiti, dankenswerter Weise stellte das Gothaer Katasteramt STANDBILD und TAPETENSCHREIBER sogar kosten- frei Strom für Musik und Installation zur Verfügung und viele Menschen sind mit uns begeistert von der Jugendarbeit in Gotha. Ich hoffe sehr, dass diese Einstellung demnächst auch noch andere Teile Gothas erreicht.






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