Meine Kolumne in der Thüringer Allgemeine


Gothas Freiraum


Was derzeit im alten Internat an der Wasserkunst entsteht, bringt mich immer wieder zum Träumen. Und gleichzeitig erinnert es mich ein klein wenig an die Hauptstadt.

Läuft man durch Berlin, fallen überall alte, etwas heruntergekommene Geschäfte auf, in denen früher einmal ein Metzger, ein Bäcker oder ein Gemüsehändler Ware verkauft haben muss. Doch auch, wenn diese Zeit schon lange vergangen ist, sind die meisten dieser Ladenräume nicht leerstehend. In vielen sind kleine Kneipen, Bars und Klamottenläden eingezogen, alle haben sie das beste aus den Räumen herausgeholt, sie mit billigen und einfachen Mitteln gemütlich eingerichtet und dabei viele kleine Kulturorte errichtet. Hier können Lesungen, Konzerte und Theateraufführungen stattfinden. Die Inszenierung einer kleinen Off-Gruppe lockt ihre Zuschauer in einen verwinkelten Hinterhof, die Lesung einer Lesebühne nimmt sie mit in einen Gewölbekeller. An fast jedem Ort ist Kultur möglich.

Läuft man durch Gotha, fallen ebenfalls ein paar alte Geschäfte oder leerstehende Häuser auf, die ein ähnliches Potenzial haben. Hier wäre es genauso wie in Berlin möglich, eines der Häuser zu besetzen, ein anderes zum Kulturzentrum umzufunktionieren und die alte Metzgerei um die Ecke als Kneipe mit ganz besonderem Charme herzurichten. Wie zum Beispiel das Kachel 54 in Neukölln, meine Lieblingskneipe, in der die Wände noch gefließt sind, in der viele unterschiedliche Sessel stehen und der netteste Wirt Berlins Süßigkeiten anbietet.

All das würden einige Gebäude Gothas ebenso hergeben. Doch scheint es mir dafür noch etwas wenige Beispiele zu geben. Da gibt es natürlich das Juwel mit der wunderbaren Legende, ein besetztes Haus zu sein. Es gibt Cafés, die auch Ausstellungen und Lesungen veranstalten, wie das Café Bender. Doch die Metzgerei im Brühl sieht bisher nur von außen spannend aus und ebenso ist es mit dem gruseligen Haus hinter dem riesigen, verrosteten Tor an der Friedrichstraße. Wie viel man daraus machen könnte!

Die zwei Kunstprojekte, die gerade im Internat an der Wasserkunst entstehen, haben sich genau das zum Ziel gesetzt: Sie wollen das Potenzial alter, derzeit leerstehender Gebäude nutzen. Dabei machen sie klar, wie einfach das sein könnte. Es braucht nur ein paar Kunstbegeisterte, Farben und Ideen und schon gibt es Gardinen, Schränke, Blumen, wo vorher keine waren. Auch wenn diese hier nach nichts duften, wenn man hier keine Schubladen aufziehen kann und den Stoff nicht zwischen den Händen fühlt – diese Bilder machen etwas sichtbar: Es braucht nicht immer viel Geld, um brachliegende Flächen zu nutzen, es braucht vor allem Ideen, Begeisterung – und gleichzeitig das Vertrauen in junge Leute. Kultur ist schließlich auch vom Nachwuchs abhängig und der wiederum braucht Freiraum, um sich auszuprobieren.

Im alten Internat hatten wir das große Glück, dass all das möglich gemacht wurde. Ich bin sehr gespannt darauf, was in diesem Freiraum entsteht, und hoffe, es verleitet auch andere Leute zum Träumen.


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