Meine Kolumne in der Thüringer Allgemeine

Eine Stunde in Jena-Göschwitz



Jena-Göschwitz ist der wohl langweiligste und traurigste Bahnhof, den ich kenne. Früher müssen hier viele Menschen aus- und eingestiegen sein, doch heute ist alles vernagelt. Hier gibt’s nicht mal ein Klo. Nur viele, leere Bahnsteige. Auf einem davon saß ich letzten Samstag und wartete. Umsteigezeit in den Franken-Thüringen-Express: Eine Stunde. Tja, was macht man eine Stunde in Göschwitz? Schreiben geht. Lesen. Oder nachdenken. Und so drängte sich die vergangene Nacht zurück in meine Gedanken: Die Gothaer Kulturnacht.

Wegen meiner eigenen Lesung an diesem Abend hatte ich mich gar nicht richtig darauf gefreut, ich bin zu aufgeregt gewesen. Doch dann war es eine angenehme Überraschung, als ich nach einigen netten Gesprächen in die Nacht hinaustrat.
Viele kleine Windlichter führten mich zum zweifachen YoYo-Weltmeister Naoto Ueno. Es war kaum zu glauben, dass er all diese Kunststücke live ausführte. Wie kann es sein, dass ein Mensch wirklich keinen Fehler macht? Jeder macht doch mal Fehler. Autoren zum Beispiel verlesen sich oder machen Rechtschreibfehler. Aber dieser Mensch schien perfekt zu sein.

Als ich mit Freundinnen weiterzog, konnte ich es immer noch nicht fassen. Sogar ein Gospelchor kann sich mal versingen, der Shuttlebus der Kulturnacht kann aus Versehen an einem vorbeifahren statt anzuhalten und der Franken-Thüringen-Express kann erhebliche Verspätungen haben. Doch die YoYos bei Ueno waren immer perfekt geflogen! Ich wünschte, so würde das Leben immer ablaufen – eine perfekte Performance von einem Künstler, der es einfach drauf hat. Dann würde ich bestimmt nicht in Göschwitz rumhängen, ich würde nicht schon seit Monaten auf die Unterschrift einer Versicherung hoffen müssen und bräuchte bei keiner Lesung nervös zu werden. Doch dafür müssten wir wohl alle Profis sein. Und das Leben haben wir nunmal nicht bis zur Perfektion geübt, bevor's losging.

Irgendwann kam dann doch mein nicht ganz perfekter Zug, ich fuhr nach Franken und mit jeder Station verschlimmerte sich der Dialekt erheblich. Ich muss zugeben, dass ich den sächsischen Einschlag um einiges angenehmer finde, als den fränkischen. In Kronach stiegen schließlich zwei Dialektmeisterinnen ein und unterhielten sich mit vielen Ds und scharfen Ss darüber, wie die eine in der Sendung „Shopping Queen“ Schuhe für zehn Euro kaufen konnte, wenn sie doch so viel Geld zur Verfügung hatte! Wie dumm war die denn?

Sofort sehnte ich mich nach Gotha zurück. Nach der wunderschönen Sprache von Hänser und Schluder, die sich von meinem Heimatdialekt aus Nordhessen gar nicht so sehr unterscheidet. Sie hätten neben ihren lustigen Geschichten und gruseligen Nachttouren bestimmt auch einige Ideen, was man mit dem Schopping-Queen-Geld Besseres anstellen könnte, als möglichst teure Schuhe zu kaufen. Zum Beispiel könnte man es in das tolle Konzept der Kulturnacht investieren, um noch mehr so beeindruckende Programmpunkte zu ermöglichen.

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