Meine Kolumne in der Thüringer Allgemeine



Das Kratzen im Hals

Jedes Mal bin ich aufgeregt. Dabei habe ich schon so viele Lesungen gehalten, dass es längst Routine sein müsste: Nach vorn gehen, lächeln, ein paar Worte zu meinem Buch sagen, die richtige Seite aufschlagen und lesen. Was soll da schon schief gehen? Und doch. Die leichten Bauchschmerzen bleiben. Die feuchten Hände. Der trockene Mund. Wie wird das Publikum wohl reagieren, nächste Woche Freitag? Schließlich habe ich schon die unterschiedlichsten Stimmungen erlebt.

Bei meiner Premiere war die gemütliche Buchhandlung angefüllt mit meinen Freunden, Verwandten und Bekannten. Wohlwollend gespannt hörten sie mir zu und bei jedem kleinen Witz lachten sie laut. Ähnlich war es in Kassel, obwohl ich hier viel weniger Zuschauer kannte. In Berlin lauschten sie mit ernsten Blicken, in Erlangen mit einem Lächeln im Gesicht. Eine Schulklasse sah mich mit konzentriert zusammengekniffenen Augen an, bei einer Open-Air-Lesung waren spielende Kinder leider lauter als ich und obwohl ich mich bei einer Lesebühne mitten ins Publikum stellen musste, um gehört zu werden, strahlte es mir von rechts und links entgegen.

Und dann kam Gotha. Meine Antrittslesung in der Residenzstadt war die bisher aufregendste. Der Freundeskreis der Stadtbibliothek hatte gemeinsam mit der Sparkasse einen tollen Raum eingerichtet, es gab ein großes Buffet, eine Faltkarte, auf der nicht nur mein Name sondern auch eine Getränkeauswahl stand, und sogar einen Beamer. Ich wurde anmoderiert von Menschen im Anzug und verabschiedet mit einem Blumenstrauß. Was will eine Stadtschreiberin mehr?
Doch war dieser Abend nicht nur deswegen aufregend, er war es auch wegen der Zuschauer.

Noch während ich die erste Textstelle vorlas – und zugegeben, sie war nicht hundertprozentig jugendfrei – spürte ich, wie sich die Stimmung im Saal teilte. Immer wieder sah ich auf und blickte in teilweise amüsierte und interessierte, teilweise aber auch schockierte Gesichter. Dass „nicht jugendfrei“ gleichzeitig bedeuten konnte, dass sich auch der ein oder andere Senior erschreckte, hatte ich leider nicht bedacht. Und bisher weder in Kassel noch in Berlin oder Erlangen erlebt.

An dieser Lesung hatte ich trotzdem großen Spaß. Gerade die unterschiedlichen Reaktionen waren spannend für mich. Während die einen ihren Schrecken nicht verbergen konnten, schienen die anderen mir gespannt zu folgen. Nebenbei gesagt: Zwei Schülerinnen aus meiner Schreibwerkstatt haben alles ohne Probleme verkraftet. Erschrecken wollte ich zwar niemanden, es ist aber möglich, dass ich es wieder tue.

Wie wird es nun am 7. Juni am Abend der Kulturnacht sein? Um 19:30 Uhr werde ich im strahlend bunten Café Bender von kratzender Kreide lesen, kurz bevor wir in die Kulturnacht aufbrechen.
Auf die Reaktionen des neuen Publikums freue ich mich schon jetzt sehr. Und wenn ich so darüber nachdenke, werde ich langsam, aber auf eine wohlige Art, aufgeregt.

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