Meine Kolumne in der Thüringer Allgemeine

Step Aerobic des Alltags

Eigentlich wollte ich zu Zumba. Das macht schließlich Spaß: Die Schritte sind nicht zu schwer aber auch nicht zu leicht, sodass die Konzentration darauf liegt, sie richtig auszuführen und gleichzeitig mit der Musik mitzugehen. Man tanzt. Und dabei geht es nicht um die Schweißtropfen im Haar, um den Schmerz in den Waden oder das immer schnellere Atmen, das passiert nebenbei. Ganz anders ist das bei Step Aerobic. Deswegen wollte ich nie dorthin gehen. Ich wusste allerdings nicht, dass der Sportverein, dem ich vor Kurzem in Gotha beigetreten bin, nicht nur beides mag, sondern auch beides anbietet. Wer zu Zumba kommt, kann sich auch mal auf dem Stepper wiederfinden. Und hier stand ich nun. Besser: Hier stieg ich nun auf und ab.

Schon nach kurzer Zeit ging es nur noch um die Schweißtropfen im Haar. Wir keuchten, während uns die strahlende Trainerin erzählte, dass wir noch lange nicht da wären, der Weg wäre noch weit. Also stiegen wir weiter auf und ab.

Uns gegenüber stemmten ein paar Männer Gewichte – oder besser gesagt: Vor uns lagen ein paar Männer entspannt auf ihren Geräten herum. Diese Sportart schien nur aus der Regenerationsphase zu bestehen. Zum ersten Mal hatte ich wirklich Lust, auch ein paar Gewichte zu heben, doch stattdessen stieg ich auf und ab. Nichts konnte mich von meinen Waden und meinem Atem ablenken.

Irgendwann rief die Trainerin strahlend: „Noch vier, noch drei, noch zwei – uuund die letzten Acht!“ Wer hatte sich diese Zählweise nur ausgedacht? Wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, kommt sie mir irgendwie bekannt vor, denn nicht nur Trainer versuchen die Ausdauer der Menschen auf diese Weise auszutricksen. Eigentlich begegnet mir diese Zählung ständig.

Versucht beispielsweise eine neue Einwohnerin der Stadt Gotha – wie die Stadtschreiberin – hier einen Arzttermin zu bekommen, braucht sie viel Geduld. Schließlich ist sie zugezogen. Sie telefoniert sich durch alle Praxen: Noch vier, noch drei, noch zwei… und jedes Mal heißt es: „Wir sind leider voll, versuchen Sie es wo anders. Ein Notfall? Na, dann fahren Sie doch ins Krankenhaus.“ Noch drei, noch zwei uuuund die letzten Acht! Da muss man einfach durchhalten. Nicht wissend, ob die Trainerin oder die Arzthelferin nach den letzten Acht nicht noch einmal acht für angebracht hält.

Wer nicht durchhält, fährt ins Krankenhaus. Beim Steppen wie bei der Arztsuche in Gotha. Wahrscheinlich ist Step Aerobic genau das richtige Training für mich, so was muss ich üben, vor allem als Autorin. Denn auch hier sehe ich mich ständig mit den letzten Acht konfrontiert, die nie die letzten Acht sind. Da wartet man auf Anrufe von der Agentur, vom Verlag, Termine werden verschoben, Lektorate kommen später. Ausdauer ist das Wichtigste.

Also steige ich weiter auf und ab. Schließlich wird es sich irgendwann lohnen: Letztlich hatte ich tatsächlich einen Arzttermin, der Verlag hat angerufen und gleich kann ich unter die Dusche. Nur noch vier, noch drei, noch zwei uuund die letzten Acht!

TA, 25.05.2013

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